TEMPUS FUGIT
Prolog
Pavel hasste seinen Auftrag. Seit einem Monat nichts als Bäume, Flüsse und verschrobene Hinterwäldler. Was machte er hier eigentlich? Wir leben doch nicht mehr bei Väterchen Stalin. Einfach nach Sibirien verschicken. Nur weil er sich das eine oder andere Mal ein paar Rubel aus dem Firmentresor stibitzt hatte. Sie können ihm nicht mehr vertrauen, haben sie gesagt. Er muss eine Strafe erhalten. Hah, lächerlich. Ein Felsen, der gegen den metallenen Rumpf seines Bootes krachte, ließ ihn aus seinen Gedanken erwachen. Dieses beschissene Boot. Es diente ihm nun schon seit mehr als einer Woche als Arbeitsplatz und Wohnung. Als gelernter Landschaftsvermesser hatte sich Pavel auf bewohnte Gegenden spezialisiert, er mochte es durch sein Objektiv zu sehen, sich zu überlegen wo und wie auf dem Stück Land das er vor sich sah das nächste Gebäude entstehen werde. Als in Moskau aufgewachsener Stadtmensch hatte er sich nie sonderlich naturverbunden gefühlt und jetzt das: Fünf Monate mutterseelenallein auf diesem Boot mit dem Auftrag die Gegend rund um den Bereich des 1908 abgestürzten Sibirien-Meteoriten zu vermessen und geeignete Plätze für dauerhafte Forschungsstationen aufzuzeigen. Was interessierte ihn schon dieser Meteorit? Wobei, interessant war es schon. Er hatte in seiner Auftragsmappe auch einige Seiten Informationsmaterial zu dem Ereignis bekommen, die er bei seiner Anreise aus Langeweile gelesen hatte. Bis heute war die Ursache dieses gewaltigen Impakts nicht geklärt. Sicher, Vermutungen gab es wie Sand am Meer. Es wurde von einem Meteoriten geredet, von einem Kometen, auch von einer monströsen Gasexplosion, manche vermuteten gar einen Kontakt mit Antimaterie oder mit einem winzigen Schwarzen Loch, natürlich wurde auch wieder von Außerirdischen geredet, doch all diese mehr oder weniger glaubhaften Theorien konnten bis heute nicht erklären was da am 30 Juni 1908 mitten in Sibirien auf einem Gebiet das zweitausend Quadratkilometer umfasst, rund 60 Millionen Bäume abknickte und noch in 500 Kilometer Entfernung von Reisenden der Transsibirischen Eisenbahn als greller Lichtblitz und grollendem Donner wahrgenommen wurde. Die Explosion übertraf die der Hiroshima-Bombe um das über tausendfache, doch gefunden wurde rein gar nichts, weder irgendwelche Bruchstücke eines außerirdischen Objektes, noch sonstige Anomalien die bei Einschlägen auf die Erdoberfläche auftreten. Soweit der Stand der Dinge.
Das Piepen des GPS-Gerätes zog Pavels Aufmerksamkeit auf sich. Langsam beugte er sich zu der Anzeige herunter und sah zufrieden, dass er sein heutiges Etappenziel erreicht hatte, eine winzige Siedlung am Ufer des Flusses der dem Ereignis um den Meteoriten seinen Namen gab, die Tunguska. Genauer gesagt befuhr er die steinige Tunguska flussaufwärts in östliche Richtung. Über 250 Kilometer hatte er nun schon auf diese Weise in seinem Boot zurückgelegt, seit man ihn vor sieben Tagen in einer Siedlung abgesetzt hatte, deren Namen er schon wieder vergessen hatte. Als dort alle Instrumente, Gerätschaften und Proviant in dem Boot, das den Namen „Flussglück“ trug, verstaut waren, konnte seine eigene Odyssee beginnen. Schon viermal war der Motor ausgefallen und mindestens doppelt so oft war er auf einen unter Wasser gelegenen Felsen aufgelaufen. Aber er war mit all diesen Mühen fertig geworden und morgen würde er sein endgültiges Ziel an diesem Fluss erreichen: Wanawara.
Mit all diesen Gedanken schlief Pavel in dieser Nacht ein, nachdem er sein Boot festgemacht hatte.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel als Pavel am nächsten Morgen die Augen öffnete. Er hatte schlecht geschlafen in dieser Nacht. Alpträume hatten ihn geplagt und immer wieder war er aufgewacht, nass geschwitzt, mit schwerem Atem, nur langsam in die Realität zurückfindend. Erst gegen vier Uhr Nachts hatte er endlich tief und fest einschlafen können um seinen Körper von den Strapazen der letzten Tage zu erholen.
Schlaftrunken stand er auf, machte sich einen Instandkaffee und ging dabei noch mal im Geiste den bevorstehen Tag durch: Wanawara anfahren, das dortige Rathaus aufsuchen und seine Ankunft melden und das Boot entladen lassen, sein schon bestelltes Zimmer beziehen und Verbindung mit dem Helikopterpiloten aufnehmen, der ihn zu seinem neuen Arbeitsplatz, dem Meteoritenkrater fliegen sollte.
Pavel war losgefahren nachdem er seine Morgentoilette erledigt hatte. Der Motor kämpfte sich wie jeden der letzten Tage gegen den Strom voran und nach vier Stunden Fahrt konnte Pavel die ersten Häuser der Stadt erspähen. Als er nahe genug heran war drosselte er den Motor und suchte nach den Anlegestellen.
Er fand sie in der Nähe der ersten Häuser und wunderte sich, dass niemand kam um ihn beim Festmachen des Bootes zu helfen. Jetzt erst bemerkte er dass auch die Kinder die sonst in jedem Dorf und in jeder Stadt, die er angelaufen hatte, herbeigerannt kamen, ausblieben. Er vertäute das Boot eigenhändig und machte sich auf zum Rathaus. Da er den Weg nicht kannte wollte er einen Passanten danach fragen, doch da war kein Passant, seltsamerweise war da niemand, den er hätte fragen können. Auch in den Fenstern der Häuser und der Geschäfte schien alles ausgestorben. Die Straße war wie leergefegt. Hatte er einen wichtigen Feiertag vergessen? Hier im Hinterland waren alle ziemlich gläubig, ja das musste es sein, sie waren alle in der Kirche und hörten sich eine dieser Predigten an, bei denen Pavel als Kind immer eingeschlafen war. Also machte er sich auf zur Kirche der Stadt, diese konnte er wenigstens nicht verfehlen da ihr Turm alles überragend in einiger Entfernung über der Stadt thronte.
Er konnte, als er näher herangekommen war das Krächzen von Raben vernehmen die im Kreis den Kirchturm umflogen. Noch immer hatte er keine Menschenseele angetroffen, doch er war guten Mutes gleich auf eine zum Bersten gefüllte Kirche zu treffen, in der er bequem nach dem Weg fragen konnte.
Vor der großen Pforte die in das Kirchenschiff Einlass gebot angekommen, sah er sich nach einer kleineren Nebentür um, damit er nicht in die Messe platze. Er fing an um die Kirche herum zu laufen und als er um eine Ecke gelaufen war konnte er eine Nebentür finden. Er drückte die Klinke herunter und die Tür tat sich auf. Pavel steckt seinen Kopf hinein, kann aber, da ihm eine Mauer die Sicht versperrt nichts sehen, sodass er sich ganz durch die Tür schiebt. Schon ist er um die Mauer herum, doch da ist kein Pfarrer und da sind keine Zuhörer, da ist nur eine leere Kirche. Er schaut sich um und langsam, ohne dass er es verhindern kann beginnt Angst in ihm aufzusteigen. Sein Atem beginnt schneller zu werden. Ein Telefon, er muss ein Telefon finden. Hastig rennt er zu der Tür, durch die er zuvor gekommen war. Sein Kopf beginnt zu schmerzen. Gerade als er sich aus der Tür schieben will, hört er ein Geräusch aus dem hinteren Teil der Kirche. Er verharrt ganz still. Da ist es wieder, ein knarrendes Geräusch. „Hallo“, ruft er laut und deutlich, „Hallo, ist da jemand?“. Wie zur Antwort hört er tapsende Geräusche aus der Richtung aus der die vorigen kamen. Seine Neugier besiegt den Drang zur Flucht und Pavel schleicht sich auf Zehenspitzen zu den Reihen der Sitzbänke, er duckt sich ab und schiebt sich auf den Knien Bankreihe um Bankreihe voran. Ein stechender Schmerz durchfährt seine Brust und sein Atem beginnt zu rasseln. Plötzlich hört er hinter sich schwere, tapsende Geräusche. Er versucht sich zu beruhigen und schiebt sich zwischen die zwei Bankreihen bei denen er gerade ist. Pavel versucht sich zu beruhigen so gut er kann, um nicht durch sein lautes Atmen aufzufallen. Ein schweres Atmen dringt an seine Ohren, fast klingt es mechanisch. Näher und näher kommt dieses Geräusch. Pavel hält es nicht mehr aus, springt ohne sich umzusehen auf und rennt in den hinteren Teil der Kirche. Seine Beine sind schwer und er fühlt jede Kraft aus seinem Körper entweichen. Er erspäht eine schwere Tür die hinab in die Krypta der Kirche führt. Mit letzter Kraft öffnet er die Tür und lässt sich die Treppe hinabfallen.
Benommen und jeder Kraft beraubt öffnet er schwer atmend die Augen und was er da verschwommen sieht, ist schlimmer als jeder seiner Alpträume. Mit grotesk geweiteten Augen sieht er vor sich Berge toter Menschen. Frauen, Kinder und Männer jeden Alters liegen vor ihm, gestapelt bis unter die Decke. Bevor er sich aufrichten kann, hört er hinter sich die schweren Atemzüge kommen, er wendet sich langsam um und sieht einen Mann in einem weißen Overall, wie er ihn aus den Übertragungen vom Chernobyl-Unglück kennt auf sich zukommen. Nun sieht er auch die übrigen Männer, alle in Schutzanzügen die um die Leichenberge herum stehen und mit irgendwelchen Gerätschaften hantieren. Noch bevor die Gestalt bei ihm ist, fällt Pavel bewusstlos um. Zwanzig Minuten später ist er tot.
einerderschreibenwill am 02. Januar 16
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